{"id":22,"date":"2025-11-07T09:59:10","date_gmt":"2025-11-07T08:59:10","guid":{"rendered":"https:\/\/antiatom.myfinal.at\/?page_id=22"},"modified":"2025-12-30T16:41:34","modified_gmt":"2025-12-30T15:41:34","slug":"temelin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/antiatom.myfinal.at\/?page_id=22","title":{"rendered":"Temel\u00edn"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Temel\u00edn (ETE) ist ca. 50 km von der \u00f6sterreichischen Grenze entfernt, etwa 60 sind es zur deutschen. W\u00e4hrend auf tschechischer Seite von einem idealen Standort die Rede ist, kann nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass das Kraftwerk in der N\u00e4he zu zwei noch relativ unerforschten Bruchlinien liegt und es immer wieder auch zu Erdbeben kommt, wie zuletzt 2024 (3,9 auf der Richterskala).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im urspr\u00fcnglichen Projektplan von 1980 waren vier Reaktorbl\u00f6cke des sowjetischen Designs WWER 1000\/320 (Druckwasser-Reaktoren \u00e0 1000 MWe) vorgesehen. Im Jahr 1990, ein Jahr nach der Wende, wurde die Projektgr\u00f6\u00dfe jedoch halbiert, sodass nur zwei Reaktorbl\u00f6cke \u00e0 1000 Mwe auf einem Gel\u00e4nde von 1,45 km<sup>2<\/sup> gebaut wurden. \u2013 Das auch unter massivem Protest von \u00f6sterreichischer Seite.<br>Zentraler Punkt in der Argumentation gegen eine vollst\u00e4ndige Umsetzung des AKW-Projekts war von Anfang an die Frage der Wirtschaftlichkeit und damit verbunden die endlose und finanziell intensive Verz\u00f6gerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl es sich um den damals modernsten sowjetischen Reaktortyp handelte, entsprachen das Design in vielen Belangen nicht den internationalen Standards, vor allem im Hinblick auf die Sicherheitssysteme. Mit den n\u00f6tigen \u00c4nderungen wurde die vorwiegend US-amerikanische Firma Westinghouse beauftragt. \u2013 Es entstand eine Mischung aus Ost- und West-Technologie und selbst die tschechische Atomaufsichtsbeh\u00f6rde \u00e4u\u00dferte Zweifel an der Sicherheit von Temel\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zentraler Punkt in der Argumentation gegen eine Fertigstellung des AKW ist die Frage der Wirtschaftlichkeit und damit verbunden die endlose und finanziell intensive Verz\u00f6gerung des Projektes. Der j\u00fcngste offizielle Termin zu der mehr als zehnmal verschobenen Inbetriebnahme ist das Jahr 2001.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Besitzer und Projektbetreiber in Temel\u00edn fungiert \u010cEZ, der tschechische Energieversorger und gr\u00f6\u00dfter Energiekonzern in Mittel- und Osteuropa. Gro\u00dfteils in Staatsbesitz scheiterte 2002 eine versuchte Privatisierung, aktuell (2025) gibt es Bestrebungen f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Verstaatlichung.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Baukosten und Sicherheit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1983 wurde mit den Vorbereitungsarbeiten f\u00fcr insgesamt vier Reaktorbl\u00f6cke begonnen, 1987 das Fundament gelegt. Die Inbetriebnahme sollte urspr\u00fcnglich 1991 erfolgen. Von Anfang an litt das Projekt aber unter massiven zeitlichen Verz\u00f6gerungen und Kosten\u00fcberschreitungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen 1990 und 1992 untersuchte die IAEA (Internationale Atomenergie-Organisation) mehrmals das Projekt Temel\u00edn und listete eine Reihe von Empfehlungen die Sicherheitsma\u00dfnahmen betreffend auf. 1993 stand schlie\u00dflich fest, dass die Bl\u00f6cke 1 und 2 mit westlicher Hilfe fertiggestellt werden sollten. Nach Ausschreibungen wurde f\u00fcr die Nachr\u00fcstung schlie\u00dflich Westinghouse beauftragt.<br>Kostenvoranschlag: 330 Mio. Dollar! Dieser Betrag wurde 1994 durch die US Export-Import-Bank (EXIM Bank) mittels Kreditgarantie gedeckt. Allerdings explodierten die Projekt-Kalkulationen seit der Involvierung von Westinghouse best\u00e4ndig und der Projektbetreiber \u010cEZ war unter anderem deswegen gezwungen, einen neuen Kredit zu beantragen. Im November 1998 wurde schlie\u00dflich ein weiterer Kreditvertrag mit der Deutschen Bank, der Bayrischen Landesbank und der Sumitomo Bank Ltd. unterzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bei Atomprojekten \u00fcblich kam es immer wieder zu unfassbaren Kosten\u00fcberschreitungen: Waren urspr\u00fcnglich 28 Mrd. Kronen veranschlagt, betrugen die Kosten 1999 schon zwischen 110,7 und 112,2 Mrd. CZK.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Inbetriebnahme von Block 1 erfolgte im Oktober 2000, die von Block 2 im April 2003.<br>Von Anfang an galt das AKW als besonders anf\u00e4llig f\u00fcr St\u00f6rungen. \u2013 Im M\u00e4rz 2007 wurde bereits der 110. St\u00f6rfall gemeldet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Operating Factor, die Zeit, in der Strom produziert werden kann, liegt auch heute noch bei beiden Bl\u00f6cken deutlich unter 80 %.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfangs mit Brennst\u00e4ben von Westinghouse beliefert, kam der Brennstoff (wie auch der f\u00fcr den zweiten Standort Dukovany) ab 2010 vom russischen Anbieter TWEL (auch TVEL JSC), einer Tochter vom Staatsbetrieb Rosatom. Seit 2024 wird er wieder von Westinghouse und dem franz\u00f6sischen Framatome bezogen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sicherheitsm\u00e4ngel des AKW Temel\u00edn<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden sowjetischen Druckwasserreaktoren vom Typ WWER 1000\/320 mit einer urspr\u00fcnglichen Nettoleistung von 892 MWe je Reaktor (heute auf 1027 bzw. 1029 Mwe gesteigert) waren zwar aus der neuesten Serie sowjetischer Konstruktion, wiesen aber im Vergleich zu westlichen Reaktoren deutliche M\u00e4ngel auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch ihre kompakte Bauweise werden sie extrem beansprucht, sind schwer zu regeln und deshalb \u00e4u\u00dferst instabil. Hinzu kommen Probleme mit dem Abschaltsystem, dem Notk\u00fchlsystem und dem Druckkessel an sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Vergleich: Die Fertigstellung des AKW Stendal in der ehemaligen DDR mit dem gleichen Reaktortyp wurde aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden abgebrochen. Eine Nachr\u00fcstung auf deutschen Standard \u2013 veranschlagt mit 3,2 &#8211; 4,7 Mrd. DM (1 DM = ca. 0,5 EUR) \u2013 w\u00e4re zu teuer gekommen. Im Gegensatz dazu sollte Temel\u00edn aber mit umgerechnet ca. 1,3 Mrd. DM pro Block den n\u00f6tigen Standard erreichen. Gemeinsam mit&nbsp; Westinghouse wollte die tschechische Regierung das AKW nun fertigstellen. Erstmalig eine Mischung von ost- und Westtechnologie bereits in der Bauphase!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die amerikanische Firma Westinghouse hatte unter anderem folgende Verbesserungsma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Lieferung von Reaktorsteuerungssystemen<\/li>\n\n\n\n<li>Schutz- und Sicherheitssysteme<\/li>\n\n\n\n<li>Steuerung der Hilfskreise<\/li>\n\n\n\n<li>Steuerung des Informationssystems<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei mussten nat\u00fcrlich immer wieder die entsprechenden Standards, d.h. die amerikanischen, russischen, europ\u00e4ischen und auch tschechische, ber\u00fccksichtigt werden, was nicht immer m\u00f6glich war. Teile des AKW mussten komplett neu entworfen werden, wogegen man andere Bereiche weiterhin nach den urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4nen fertigstellt hat. Ein Konglomerat aus \u00fcber 60 Firmen versuchte ohne jegliche Gesamtkoordination diese Aufgabe zu erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die tschechische Atomaufsichtsbeh\u00f6rde (S\u00daJB) hat auch hierbei eine Reihe von M\u00e4ngeln festgestellt. So wurden elektrische Bauteile unsachgem\u00e4\u00df im Freien gelagert, Montagebedingungen austenitischer (rostfreier) Materialien bzw. grunds\u00e4tzliche Richtlinien f\u00fcr das Schwei\u00dfen beim Prim\u00e4rkreislauf nicht erf\u00fcllt. Dar\u00fcber hinaus entdeckten Vertreter der Fa. Westinghouse, dass Datenleitungen zu nahe an Starkstromleitungen verlegt wurden, wodurch es zu elektromagnetischen Impulsen kommen kann. Eine Untersuchung einer internationalen Expertenkommision war aber von der \u010cEZ aus \u201eGr\u00fcnden der Wahrung des Betriebsgeheimnisses\u201c nicht erw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Gutachten (2013) wurde festgestellt, dass unter anderem auch Schwei\u00dfn\u00e4hte nicht sachgem\u00e4\u00df ausgef\u00fchrt w\u00e4ren. \u2013 Stahl wird durch die Neutronenbestrahlung mit der Zeit immer spr\u00f6der, eine Nachbesserung, bzw. ein teilweiser Austausch wird von der S\u00daJB aber als nicht n\u00f6tig erachtet.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ausbau<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden sowjetischen Druckwasserreaktoren vom Typ WWER 1000\/320 mit einer urspr\u00fcnglichen Nettoleistung von 892 MWe je Reaktor (heute auf 1027 bzw. 1029 Mwe gesteigert) waren zwar aus der neuesten Serie sowjetischer Konstruktion, wiesen aber im Vergleich zu westlichen Reaktoren deutliche M\u00e4ngel auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch ihre kompakte Bauweise werden sie extrem beansprucht, sind schwer zu regeln und deshalb \u00e4u\u00dferst instabil. Hinzu kommen Probleme mit dem Abschaltsystem, dem Notk\u00fchlsystem und dem Druckkessel an sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Vergleich: Die Fertigstellung des AKW Stendal in der ehemaligen DDR mit dem gleichen Reaktortyp wurde aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden abgebrochen. Eine Nachr\u00fcstung auf deutschen Standard \u2013 veranschlagt mit 3,2 &#8211; 4,7 Mrd. DM (1 DM = ca. 0,5 EUR) \u2013 w\u00e4re zu teuer gekommen. Im Gegensatz dazu sollte Temel\u00edn aber mit umgerechnet ca. 1,3 Mrd. DM pro Block den n\u00f6tigen Standard erreichen. Gemeinsam mit&nbsp; Westinghouse wollte die tschechische Regierung das AKW nun fertigstellen. Erstmalig eine Mischung von ost- und Westtechnologie bereits in der Bauphase!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die amerikanische Firma Westinghouse hatte unter anderem folgende Verbesserungsma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren:<br>Lieferung von Reaktorsteuerungssystemen<br>Schutz- und Sicherheitssysteme<br>Steuerung der Hilfskreise<br>Steuerung des Informationssystems<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei mussten nat\u00fcrlich immer wieder die entsprechenden Standards, d.h. die amerikanischen, russischen, europ\u00e4ischen und auch tschechische, ber\u00fccksichtigt werden, was nicht immer m\u00f6glich war. Teile des AKW mussten komplett neu entworfen werden, wogegen man andere Bereiche weiterhin nach den urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4nen fertigstellt hat. Ein Konglomerat aus \u00fcber 60 Firmen versuchte ohne jegliche Gesamtkoordination diese Aufgabe zu erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die tschechische Atomaufsichtsbeh\u00f6rde (S\u00daJB) hat auch hierbei eine Reihe von M\u00e4ngeln festgestellt. So wurden elektrische Bauteile unsachgem\u00e4\u00df im Freien gelagert, Montagebedingungen austenitischer (rostfreier) Materialien bzw. grunds\u00e4tzliche Richtlinien f\u00fcr das Schwei\u00dfen beim Prim\u00e4rkreislauf nicht erf\u00fcllt. Dar\u00fcber hinaus entdeckten Vertreter der Fa. Westinghouse, dass Datenleitungen zu nahe an Starkstromleitungen verlegt wurden, wodurch es zu elektromagnetischen Impulsen kommen kann. Eine Untersuchung einer internationalen Expertenkommision war aber von der \u010cEZ aus \u201eGr\u00fcnden der Wahrung des Betriebsgeheimnisses\u201c nicht erw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Gutachten (2013) wurde festgestellt, dass unter anderem auch Schwei\u00dfn\u00e4hte nicht sachgem\u00e4\u00df ausgef\u00fchrt w\u00e4ren. \u2013 Stahl wird durch die Neutronenbestrahlung mit der Zeit immer spr\u00f6der, eine Nachbesserung, bzw. ein teilweiser Austausch wird von der S\u00daJB aber als nicht n\u00f6tig erachtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Temel\u00edn (ETE) ist ca. 50 km von der \u00f6sterreichischen Grenze entfernt, etwa 60 sind es zur deutschen. 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